HELMUT SCHIDA, WIEN nca
 

Tiefschwarzer Blues

Tag für Tag sitzt er
wenn die langsam kräftiger werdende Sonne
den Gehsteig beim Pier 39 ein wenig aufwärmt
mit dem Rücken zum Wasser auf dem Boden
Seine Knie halten zwei dürftig
zusammengebundene Bongotrommeln
Seine Fingerspitzen
hat er mit weißem Leukoplast bandagiert
bis auf die Daumen die sind natur belassen braun
Und so hockt er da
wann immer ich am Pier vorbeikomme
Tom, tom, tam, tam, tatam
torom, torom, tamtam

Einige Münzen
meist Fünf- oder Zehncentstücke
ab und zu ein Quarter
liegen bei seinen hellen Zehen
Er sieht nicht die Leute
die zu Tausenden täglich an ihm
vorbeiziehen
Die meisten halten ihn für völlig verrückt
Ich nicht
Ich setze mich ihm gegenüber auf den Boden
gerade so knapp
dass ich nicht auf die paar Münzen trete
die auch heute wieder vor ihm liegen
Tom, tom, tom
taram, tom, tom

Er verändert seinen Blick überhaupt nicht
Schaut weiter geradeaus
aber nicht auf mich
sondern geradeaus in sich hinein
Ich falle förmlich in seine Augen hinein
und er bemerkt es überhaupt nicht einmal
Tam, tam, torom, tomtom
tototom, tomtom

Und genau das ist er - der tiefschwarze Blues!

 
schida08
 
 
 

Ja dann

Sie fängt alles Mögliche an,
kaum die Hälfte davon bringt sie zu Ende.

Z. B. die Sache mit dem Lottoschein.
Sie geht an einer Trafik vorbei,
sieht das gelbe Schild „Doppeljackpot“
und schon iss sie drinnen,
um einen oder zwei Computertipps zu kaufen.

Tags darauf ist die Ziehung.
Die Glückszahlen werden weiß Gott wo
überall veröffentlicht: Im Fernsehen nach dem Wetter,
im Internet, im Radio zwischen der Filmbesprechung
und dem Blumendoktor und in der Zeitung.

Der Abschnitt des Lottoscheins
liegt seit Tagen beim Katzenfutter,
die Zahlen verglichen hat sie noch nicht.
Sie geht einkaufen, macht die Wäsche,
packt die Reisetasche und fährt mit den Kids aufs Land.

Als ich das Futter für meinen Kater nachfülle,
fällt mir der Schein auf. Sie hat um 4 Euro gespielt.
Ich werfe den PC an, google mir die Lottoergebnisse
und tippe die zwölfstellige Registriernummer ein.
Gleich leuchtet es in gelber Schrift auf grünem Grund auf:
„Gratulation, Sie haben gewonnen!“
Und weiter unten werden als Gewinnsumme
20.000 Euro ausgewiesen. - Donnerwetter!

Vergesslichkeit hin und Schlamperei her -
mein Mädchen hat auch ein paar gute Seiten,
und ich beschließe doch bei ihr zu bleiben!

che

 
afirca
 

Der allererste Lehrer

Es war so still in dem Klassenzimmer, dass man auf jeden Fall die sprichwörtliche Nadel hätte fallen hören können. Die letzten paar Mütter schlichen auf Zehenspitzen durch die schwere Klassentür, die sich gleich darauf für einen kräftig gebauten Mann mit konkav geschliffenen Brillengläsern öffnete. Er steckte in einem etwas zu groß geschnittenen grauen Anzug und darüber trug er einen schwarzen Arbeitsmantel. Kein Zweifel, das musste unser Herr Lehrer für die nächsten vier Jahre sein. Sein Name war Nimmer, Johann Nimmer.

Ihm gegenüber standen wir 32 Knirpse, alles Knaben, in meist recht ärmlichen Kleidern, zerlumpten Schuhen, kurzen Hosen und schmuddeligen Hemden. Alles war hellgrau bis schwarz. Farbiges Zeug gab es so kurz nach dem Krieg noch kaum, alles passte so richtig zu den dürftig geflickten Häuserruinen, den Gesichtern der Mütter und den meist verwundet aus dem Krieg heimkehrenden Vätern, die das Erlebte nie mehr so richtig verkrafteten.

In dem Moment, als Lehrer Nimmer zu uns trat, erklang vom Gang her ein schepperndes Glockengeläute. Wir ahnungslosen Buben erschraken gewaltig, zwei recht ängstliche von uns begannen sogar lautlos zu weinen. Ich war einer von ihnen. Vor den Klassentüren marschierte der Schulwart auf und ab und schwang dabei eine ziemlich schwere Glocke aus Metall, die ebenso auf einem mittleren Kriegsschiff ihren Dienst hätte versehen können.

Nun begann der Lehrer jeweils zweien von uns Tische zuzuweisen, und wir durften auf kleinen Stühlen Platz nehmen. Schnell war nach dem Geschiebe der Sessel wieder Ruhe eingekehrt, Lehrer Nimmer ging von Tisch zu Tisch und musterte jeden von uns eingehend. Vor jedem Kind blieb er kurz stehen, hob er den Zeigefinger, und der so bezeichnete Junge musste aufstehen.

„Nenne mir deinen Namen, Junge!

„Franz“, „Karli“, „Ferdinand“, „Johann“…

Dann war die Reihe an mir

„Mein Name ist Helmut“, schmetterte ich, da mir mein Vater eingebläut hatte, nur ja laut und deutlich zu sprechen, wenn ich dazu aufgefordert würde.

Als der Herr Lehrer nun alle unsere Namen kannte, setzte er sich vorne am Katheder auf seinen Sessel und erzählte uns folgende Geschichte.

Ich kenne da ein Land, in dem es keine Schule gibt und die Kinder daher auch nicht jeden Morgen aufstehen müssen, um dorthin zu gehen oder zu radeln. Sie haben also immer nur Ferien, können im Sommer an den Teich baden gehen, im Herbst Kastanien sammeln und im Winter draußen Schneemänner bauen.

Und genau hier bin ich damals aus seiner Geschichte ausgestiegen, oder besser gesagt, voll eingestiegen. Ich hüpfte auf einer riesigen, für die anderen nicht vorhandenen Wiese umher, pflückte Blumen und rannte hinter bunten Schmetterlingen her. Gleich darauf zog ich mit einer Rodel Spuren in den frisch gefallenen Schnee, trank hinterm Ofen warme Milch mit Honig und da wurde ich jäh vom Schall der großen Schulglocke aus meinen Träumen gerissen. Ich kann sagen, dass ich von meiner ersten Unterrichtsstunde nicht viel mitbekommen habe, außer vielleicht die Fähigkeit mit offenen Augen zu träumen und mich in eine Parallelwelt zu katapultieren.

Heute weiß habe ich keinen Schimmer mehr, wie ich damals nach Hause gekommen bin, aber die Wiese und der Schnee … auf denen bewege ich mich auch heute noch recht gern.

 
Meisterhaft
 

Goldrausch

Sie hatten uns das Haus weggenommen
einfach unterm Arsch weggezogen
wegen so einer Kreditgeschichte.
Dazu die drei Brände in den letzten fünf Jahren.
Der Ort lag genau auf einer Bruchlinie
typische Erdbebenzone.
Es rumpelte oft in der Nacht,
die Gläser klirrten im Wandschrank,
die Scheiben krachten in den Fensterrahmen,
manchmal fiel ein Bild von der Wand.
Und jetzt macht noch das Werk dicht – arbeitslos.

Alles total trostlos, so beschissen,
dass wir das ganze Zeug auf den Hänger laden
und uns des Nachts davonmachen.
Nach Norden, 170 km bis Sacramento.
Unterwegs schließen sich uns an:
Verzweifelte, Verrückte, Verbrecher
und sonstige Verdammte.

Hunderte kommen jeden Tag am Fluss an,
stecken ihre Claims ab und beginnen
den harten, lehmfarbenen Boden zu durchwühlen.
Wir suchen alle verzweifelt nach Gold
an den Ufern des Sacramento-River.
Kaum einer erwischt ein Metallkorn,
kein einziger wird reich, etliche verrecken im Wasser
oder in den Schächten oder bekommen in der
Dunkelheit ein Messer rein.

Weltwirtschaftskrise, Goldrausch
Kalifornien, Frühjahr 2009

helmut schida

Paris

che

Viele

tun sich leicht, wenn sie über sich selbst berichten sollen,
gibt es ihnen doch endlich einmal Gelegenheit, auch schriftlich
angeben zu können. Ich dagegen tu mir sauschwer dabei.
Liegt wahrscheinlich an meiner introvertierten Art. Aber wenn
es sein muss:

Ich bin 1943 in Wien geboren, erlernter Beruf Lehrer, momentan
sozialschmarotzender Frühpensionist - pfui! -, Lebenskünstler,
Maler, Poet ...

Das deutsche Underground-Magazin WC ("Writers Corner",
Anm. d. Redaktion) nannte mich mal den "Bukowski der
Donaumetropole Wien", was mir sehr gefallen hat, aber
natürlich immens übertrieben war. WC ist inzwischen leider
an Leserschwund eingegangen.

Also, bis dann! www.schida.at

che

 
schida09
 
Sonnentag
 
 
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Morgens

Vor einem Fenster hüpft ein kleiner Vogel
auf und ab noch vor dem Morgengrauen und
haut mir seinen Weckruf um die Ohren

Naja, es ist halb vier, ich sitze im Bett und huste
draußen verstummt der Vogel
mein Hustenanfall geht vorüber
er singt weiter
an Schlaf ist nicht mehr zu denken

Ich öffne das Fenster und lass die Schwärze
zu mir herein
den kleinen Vogel sehe ich nicht
nur sein Geschrei ist jetzt viel lauter
und deutlicher zu hören:
tschielp, tschielp, tschielp
Aus einiger Entfernung: ein leises Echo

Er ist unermüdlich
wahrscheinlich schreit er nach einem Weibchen
oder so
was weiß ich schon von so einem kleinen Vogel
und seinen Bedürfnissen
wo ich nicht einmal mit meinen eigenen
zu Rande komme

Wieder ein Hustenanfall um fünf vor vier
Ich muss raus aus dem Bett
Vielleicht hilft ein kaltes Bier?!

che

 
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schida
 
© Bilder und Texte Helmut Schida, Wien